Milan, die Kamera und die Baustelle - ein starkes Trio!

Ein grosses Ziel unserer Reise nach Kenia war, den Baubeginn der ersten drei Kindergartenzimmer mitzuerleben. Ein falscher Buchstaben auf einem offiziellen Dokument wollte dies zuerst verhindern. Wir setzten jedoch alles daran und konnten mit etwas Verspätung, dafür mit genehmigter Offerte den ersten Spatenstich setzen.

Zwei Stunden nachdem wir das Geld für die erste Etappe dem Bauunternehmer bezahlt hatten, standen die ersten Fundis (Kenianische Bauarbeiter) auf dem Gelände, wo das neue Gebäude entstehen soll. Die arbeitswilligen, kräftigen Männer zogen wiederum weitere Fundis an, welche die Baustelle entdeckt haben und nach Arbeit suchten. Kurzerhand standen 20 Leute auf dem Baufeld, die aber nie beauftragt wurden. Mugendi, der Bauunternehmer überprüfte, welche Arbeiter er wirklich bestellte und welche nicht.

Der Gegenwert der grössten kenianischen Banknote beträgt CHF10. Um Transaktionsgebühren zu sparen zahlten wir die erste Tranche des Geldes in bar.

Der Gegenwert der grössten kenianischen Banknote beträgt CHF10. Um Transaktionsgebühren zu sparen zahlten wir die erste Tranche des Geldes in bar.

Bevor es mit dem Bauen los ging, musste das buschige und steinige Areal gerodet werden. Bäume, Palmen, Sträucher und selbst ein kleiner Schuppen wurden entfernt. Mugendi griff dabei in schicken Kleidern und Sandalen selbst zum Hammer und schlug die einfache Bauhütte nieder. Durch die lauten Schläge auf das Wellblech schreckten die darin hausenden Hühner auf und sprangen aus der Hütte. Diese haben am Vortag im Innern einige Eier gelegt, welche die helfenden Nachbarn fanden und einsammelten. Ein brütendes Huhn wollte jedoch nicht weichen, bis es krächzend von Hand aus seinem Nistplatz getragen wurde.

Alle helfen mit: die Frauen retten die Eier und Hühner, die Männer demontieren die Hütte.

Alle helfen mit: die Frauen retten die Eier und Hühner, die Männer demontieren die Hütte.

Nachdem die Überreste der Hütte weggeräumt wurden, mass Mugendi die Länge des Gebäudes mit dem Massband und steckte den Grundriss mit Pfählen ab. Drei Klassenzimmer à 8x6 Meter sollen es werden. Die Wanddicke beträgt jeweils 20cm. Der Bauunternehmer setzte bei 24,6m einen Pfahl. Auch der Architekt war voller Stolz anwesend, kümmerte sich jedoch merklich wenig um das Vermessen seines Gebäudes, weshalb wir vom ekwal Team selbst Hand anlegten. Wir waren die einzigen auf der Baustelle, die einen Plan zur Hand hatten. Schnell ist mir aufgefallen, dass es für drei Klassenzimmer nicht drei, sondern vier Seitenwände benötigt. Auf meinen Hinweis, dass der Pfahl bei 24,8m, also 20cm weiter gesetzt werden sollte, kam vom Bauunternehmer nur ein leises Murmeln – Fehler werden selten zugegeben. Mugendi verschob den Pfahl schliesslich kommentarlos an die richtige Stelle.

Das Vermessen des Geländes: Viele schauen zu, trotzdem entstehen Fehler.

Das Vermessen des Geländes: Viele schauen zu, trotzdem entstehen Fehler.

Das ausgesteckte Netz aus Schnüren liess erstmals die Dimension des Gebäudes erahnen. Bald darauf begannen die Fundis entlang den Schnüren zu graben. Harter Stein, lehmige Erde und dicke Wurzeln mussten dabei zerschlagen und zerschnitten werden – wohlgemerkt alles von Hand. Für den gesamten Bau stand den Fundis nicht eine einzige Maschine zur Verfügung. Ausschliesslich mit primitivsten Werkzeugen und Muskelkraft gruben die fleissigen Fundis bei schweisstreibenden 30 Grad und starkem Sonnenschein etwa einen Meter in die Tiefe. Jeweils eine Linie pro Person, denn die Fundis verdienten nicht etwa für ihre geleistete Arbeitszeit, sondern pro gegrabene Linie ihr Geld. Bereits nach zwei Tagen waren die Gräben für das Fundament fertig gestellt. Im nächsten Schritt bauten die Arbeiter die Mauern für das Fundament auf. Stein für Stein wurde gesetzt, Wasserkessel geschleppt, Zement gemischt, und zwischendurch musste die Arbeitskleidung repariert werden. Ein etwa zehn Jahre alter Schuh, der eher einem zerfressenen Lederstück als einer Arbeitsbekleidung ähnelte, versuchte ein Fundi mit einem alten Stück Draht zu reparieren. Bald jedoch war sein Schuh dermassen zerfetzt, dass er barfuss weiterarbeitete. Knöcheltief stand er im Gemisch aus Sand, Zement und Wasser. Als sich langsam eine Betonschicht an seinem Fuss aufbaute, konnte ich nicht länger zusehen und bat ihn neue Schuhe zu besorgen. Am nächsten Tag erschien der Fundi mit einem Paar Gummistiefel, das er von seinem Kollegen borgen konnte. Nicht nur die Schuhe, sondern auch der Sonnenschutz funktionierte mit einfachsten Mitteln. Gegen die starke Einstrahlung bastelte ein Fundi einen Hut aus einem alten Stück Karton – als Recycling-Hut beschrieb er ihn schmunzelnd.

 
Der Arbeitsschuh erreichte nach 10 Jahren im Einsatz sein Ende.

Der Arbeitsschuh erreichte nach 10 Jahren im Einsatz sein Ende.

Ein altes Stück Karton dient als Sonnenhut.

Ein altes Stück Karton dient als Sonnenhut.

Viele Fundis arbeiten barfuss – auch beim Mischen des Betons.

Viele Fundis arbeiten barfuss – auch beim Mischen des Betons.

Die kräftigen Männer schleppen das Wasser für den Beton vom nahegelegenen Brunnen auf die Baustelle.

Die kräftigen Männer schleppen das Wasser für den Beton vom nahegelegenen Brunnen auf die Baustelle.

Während der Graduation, zugleich der letzte Schultag in diesem Jahr, wurden wir mit leckerem Essen und Süssgetränken verköstigt, welches wir mit den etwa 100 Gästen ausnahmsweise an Tischen zu uns nehmen konnten. Nur wenige Meter nebenan leisteten die Fundis Schwerstarbeit. Am Ende des Tages durften auch sie sich mit dem übrig gebliebenen Reis stärken. Die Graduation war zugleich unser letzter Tag an der Schule. Die Arbeit der Fundis ging aber weiter und so heisst es für sie jeden Tag erneut von Sonnauf- bis Sonnenuntergang die Spitzhacke, Schaufel und Machete in die Hand zu nehmen, um ein paar Shilling zu verdienen.

Der Bau ist mittlerweile bis zum fertigen Fundament fortgeschritten. Bis Anfang Dezember steht die Baustelle still. Dann werden die Mauern für das Gebäude erstellt, das Dach gefertigt und der Boden gelegt. Wenn alles wie geplant weitergeht, hoffen wir, die drei Kindergartenzimmer bald in Betrieb nehmen zu dürfen – wir freuen uns darauf!

Von Milan Rohrer

 
Ein Fundi spitzt die Pfähle für das Ausstecken des Baufeldes.

Ein Fundi spitzt die Pfähle für das Ausstecken des Baufeldes.

Selbst die härtesten Steine schlägt er von Hand entzwei.

Selbst die härtesten Steine schlägt er von Hand entzwei.

Das Fundament ist fertig gegossen. Starker Regen zwingt die Fundis zur Pause.

Das Fundament ist fertig gegossen. Starker Regen zwingt die Fundis zur Pause.

Um eine gerade Ebene zu erreichen greifen die Fundis zu den einfachsten physikalischen Mitteln: ein alter Wasserschlauch hilft dabei.

Um eine gerade Ebene zu erreichen greifen die Fundis zu den einfachsten physikalischen Mitteln: ein alter Wasserschlauch hilft dabei.